Tauben stiegen von der Bank in Richtung des großen Kuppeldachs auf, das den großen Bahnhof mit schmutzigen Scheiben überspannte. Ich erhob ich mich von meinem Sitzplatz, auf dem wir seit einiger Zeit auf unseren Anschluss warteten, der uns in Richtung Norden, in Richtung einer zweiwöchigen Erholung bringen sollte. Gedankenverloren starrte ich den Seuchenbringern bei ihrem Flug in die Höhe nach, wanderte ziellos über den Bahnsteig, suchte nach Anhaltspunkten die mich sicherer machen sollten, doch ich fand keine. Mein Blick glitt über die Gleise, wo sich zwischen den Bahnschwellen der Unrat der letzten Jahre angesammelt hatte, und der mich nun zurück an starrte. Sie stand auf, ergriff meine Hand, zog mich über den Bahnsteig, hin zu einem der Erfrischungsautomaten, die so zahlreich hier herumstanden. Mein Magen knurrte bei dem Anblick der kleinen Zwischenmahlzeiten, die in Reih und Glied hintereinander auf den Münzeinwurf warteten. Ich fragte was sie gerne hätte. Sie zeigte auf eine der Tüten. Ich zählte das Geld ab, um dann die passende Zahl, die unterhalb des Fachs angebracht war, in das Tastenfeld zu tippen. Der Geruch von Urin stieg mir in die Nase. Warum pinkelten die Leute immer irgendwo auf die Bahnsteige, oder in die Unterführungen, fragte ich mich und drückte die Klappe des Automaten zurück um in die Öffnung zu fassen. Die Tüte landete auf meiner linken Hand, dann ein zweite und eine dritte. Verwirrt glotzte ich durch die Scheibe auf die immer weiter drehende Spirale, die eine Tüte nach der anderen aus dem Fach drückte. Todesmutig sprangen die kleinen Mahlzeiten in die Tiefe, stürzten sich nur zu meinem Vergnügen in den Abgrund, weil ich dafür bezahlt hatte, so wie ich für alles in meinem bisherigen Leben bezahlt hatte. Verzweifelt fing ich die essbaren Kreaturen ab, wollte die Flut der Köstlichkeiten retten, während ich mich wunderte, warum die Spirale nicht aufhörte, sich zu drehen. Die letzten Wochen zogen an meinem völlig verwirrten Ich vorbei. Die Worte meines Arztes rauschten durch meine Ohren bis zu meinem Mund, bis zu meiner Zunge und ließen mich den bitteren Geschmack der Wahrheit schmecken, dass mir Ruhe guttun würde. Ja, ich sollte mich ausruhen, mich erholen von den Strapazen der letzten Jahre, die mich verrückt werden ließen, mich ausbrannten, mir meine Energie aussaugten wie ein nächtlicher Besucher, den ich nicht hereingebeten hatte. Ich suchte ihren Blick. Sah ihr ins Gesicht, das mich jetzt zumindest erheitert anblickte und sie fing an, schallend zu lachen, während sie mir mit ihrer Hand freundschaftlich über meinen Kopf strich. Ich sammelte alles ein, stopfte mir die Tüten in meinen Rucksack, gab ihr eine der Leckereien, die sie dankbar, immer noch lächelnd, entgegennahm. Als ich mich umdrehte, funkelten mich zwei bösartige Augen an, ein aufgerissener Mund fauchte mir Beschimpfungen entgegen. Einer der Bahnhofstechniker drohte mir mit erhobenem Zeigefinger, warnte mich eindringlich davor, mit dem Automaten irgendwelche Spielchen zu machen oder ihn gar zu manipulieren. Meine Hand suchte die ihre, doch sie stand einige Schritte abseits, ganz so, als gehöre sie nicht zu mir. Beobachtete nur die einseitige Auseinandersetzung zwischen dem Handwerker und mir. Enttäuscht ließ ich den vor Wut schäumenden Mann einfach stehen, trabte mit gesenktem Kopf zurück zu der einsamen Bank, die so verloren wirkte. Langsam und den Riegel kauend folgte sie mir, setzte sich neben mich, vermied mich so gut es ihr gelang. Warum, wollte ich schreien! Warum ist es nur so, was ist geschehen in den letzten Jahren? Weg von hier, schoss es mir durch den Kopf, weg aus dem Alltag, aus dem Trott, weg von allem was uns störte. Doch ich blieb stumm, brachte kein Wort heraus, meine Lippen formten nichts Aussprechbares, nichts was sich durchsetzen ließ. Zum x-ten Mal sprang ich auf, folgte dem Bahnsteig, blickte umher, suchte, fand aber nichts. Die Durchsage über mir riss mich in die Realität zurück, nicht zu früh, denn die Lokomotive die auf mich zukam, wurde bedrohlich größer. Viel zu schnell machte ich ein paar Schritte zurück, taumelte, fing mich aber wieder. Unsicher blickte ich erneut zu ihr, suchte ihre Augen, die mich leer empfingen, die mir nichts zu sagen hatten. Zischend sprangen die Türen der eingefahrenen Bahn auf. Erst langsam, dann schneller, quollen die Reisenden in nicht enden wollenden Strömen aus den Öffnungen, umspültem mich mit ihren abgehetzten Gesichtern, mit ihren schnellen Schritten, die mir in den Ohren dröhnten. Einige rempelten mich an, brachten mich dazu, mit ihnen mitzugehen, mitzukommen, auf ein Ziel zu, das ich nicht erkannte, und zu dem ich gar nicht wollte. Mühevoll stemmte ich mich gegen den Strom der Reisenden, die drohten, mich mit sich fortzuschwemmen. So schnell, wie sie gekommen war, so schnell verebbte die menschliche Schlange, ließ mich allein zurück, inmitten der einsamen Kälte des Bahnhofs. Mit kleinen Schritten ging ich zurück zu ihr, nahm wieder meinen Platz neben ihr ein, suchte nach den Spuren von Vergangenem, die noch immer in meinen Erinnerungen waren. Ich sah dem ausfahrenden Zug, dessen Passagiere schon weitergehetzt waren, nach. Noch lange nachdem er in den Wirren der Gleise außerhalb der Überdachung verschwunden war, brannten seine Rückleuchten in meinem Gehirn wie Warnlampen. Wieder schwappte der Gestank von Urin zu mir herüber, ließ mich mein Gesicht verziehen – typisch, dachte ich, immer sitzt du an der falschen Stelle. Metall auf Metall quietschte es in meinen Ohren. Mit betäubendem Lärm fuhr der nächste Zug auf dem Gleis direkt vor uns ein. Dankbar für die Ablenkung beobachtete ich die erneute Flut von Reisenden, die aus den offenen Türen stürzte, sah ihnen auf ihrem Weg in Richtung Ausgang nach, betäubte meinen Geist mit dem unendlichen Strom an Menschen. Mit dem letzten Passagier drehte ich meinen Blick in ihre Richtung. Panik erfasste mich!
„Monika“, rief ich laut. Keine Antwort.
Erschrocken sprang ich auf. Der letzte Reisende schüttelte seinen Kopf bei meinem Anblick, fragte sich wahrscheinlich, warum der Idiot so brüllte.
Meine Stimme hallte laut über das Gleis, „Monika!“
Hinter mir bildete sich der nächste Wurm an Menschen, flog gehetzt an mir vorbei, während die Panik in mir immer größer wurde. Inmitten der menschlichen Fracht stemmte ich mich auf der Suche nach ihr gegen die Flut, wollte sie finden, ließ meinen Kopf herumfliegen wie ein Radar. Dort, dort stand sie. Ich flog förmlich auf sie zu, riss sie an ihrem Arm herum, holte tief Luft, um zu schreien, sie zu fragen was dass sollte. „Entschuldigen sie“ stammelte ich der Fremden entgegen, von der ich gedacht hatte, sie wäre meine Partnerin. Noch während sie mich beschimpfte, entdeckte ich Monika an dem Automaten von vorhin. Mit großen Schritten flog ich auf sie zu. Sie unterhielt sich mit dem Handwerker, der sich immer noch über mich aufregte. Sie fing meinen Blick ein, lächelte mich an, bevor sie sich von dem Bahnhofsmitarbeiter verabschiedete, und kam mir entgegen. Ich drückte sie, so fest ich konnte. Verwirrt fragte sie, was ich denn hätte, doch eine Antwort blieb ich ihr schuldig. Dafür drückte ich sie noch fester. Sie befreite sich aus meinen Armen, griff nach meiner Hand, zog mich in Richtung des Zuges, dessen Anzeige umgesprungen war und nun unser Reiseziel in leuchtenden Buchstaben anpries.
„Geschafft“, lächelte ich sie an.
©Jonas Erler