Ich werde in der Nacht verschwinden, dann, wenn meine Familie endlich ausgestreckt daliegt. Doch ich musste warten, das Feuer brannte noch, durchflutete alles mit seinem hellen Schein und warf flackernde Schatten an die Wände. In meinen Gedanken an das Bevorstehende versunken, ließ ich die Zeit an mir vorbeiziehen. Ich wusste, dass er irgendwo da draußen war, denn schon bei unserer Ankunft hatte ich etwas Seltsames gespürt. Eine Ahnung nur, allerdings eine, die mich tief in meinem Inneren nicht mehr loslassen wollte. Wer es war oder was es war, erschloss sich mir nicht. Ich wusste nur, dass meine Seele bebte, dass über meinem Körper schon die ganze Zeit ein Schauer lag, der mich an nichts anderes mehr denken ließ.
Als mich der Schlaf schon fast mitgenommen hatte, erloschen die Flammen und die Dunkelheit breitete sich unaufhaltsam um mich herum aus. Durch den schmalen Eingang fiel mein Blick auf den aufgegangenen Mond, der mich mit seinem unheimlichen, bleichen Gesicht anstarrte. Langsam drehte ich mich auf meiner Bettstatt herum, hörte in die Nacht des Raumes hinein, aber alles was ich vernahm, war das leise und ruhige Atmen der anderen.
Vorsichtig setzte ich mich auf. Wieder lauschte ich, doch niemand schien von meinen Geräuschen aufzuwachen, also kam ich auf die Beine, griff so leise wie möglich meine Sachen, dann schlich ich zum Ausgang, drückte mich durch den schmalen Spalt hinaus ins Freie.
Die Kühle der Nacht empfing mich mit ihrer erfrischenden Umarmung, die mir die Kraft spendete, die ich in den letzten Tagen verloren glaubte. Mehrere Schritte weit, versuchte ich keine Laute zu machen, es war nicht sicher, ob meine Flucht bemerkt worden war. Erst als zwischen mir und dem Eingang mehr als zwanzig Schritte lagen, nahm ich darauf keine Rücksicht mehr, da knackte ein kleiner Zweig unter meinen Füßen. In der Nachtschwärze hatte ich das Gefühl, dass man das Geräusch bis zum Horizont wahrnehmen konnte, doch ein Blick zurück überzeugte mich davon, dass immer noch niemand wach geworden war.
Zwischen den Bäumen zwängte ich mich durch eine Lücke, dann trat ich auf die kleine Lichtung, die im hellen Mondlicht vertraut schimmerte. Schon bei unserer Ankunft hatte ich die freie Stelle im umliegenden Wald entdeckt und mir eingeprägt, wo genau sie lag. Eine gute Entscheidung, wie sich jetzt herausstellte, denn ich hatte sie ohne Mühe wiedergefunden.
Ich trat in das Licht hinaus, das so hell schien, dass ich jede Einzelheit auf dem großen Monolithen in der Mitte der Lichtung erkennen konnte. Er war etwa doppelt so hoch wie ich. An der Stelle, an der er aufgestellt worden war, maß er etwa fünf Schritte und lief am oberen Ende spitz zusammen. Von dort beginnend, schlängelten sich in einer Spirale seltsame Zeichen bis hin zum Boden. Was sie bedeuteten, wusste ich nicht, nur zwei Symbole kamen mir bekannt vor, ein Herz und eine große dunkle Gestalt, deren Umrisse kein klares Bild erzeugten. Doch die Erhabenheit, die ich bei ihrem Anblick fühlte, brauchte kein Bildnis, um mir vorzustellen, wer er war.
Ein lautes Knacken am gegenüberliegenden Waldrand ließ mich hinter dem Stein in Deckung gehen. Langsam blickte ich um das riesige Gebilde herum. Auf der anderen Seite der Lichtung rührte sich nichts, also verließ ich meine Deckung, rannte in gebückter Haltung auf die Stelle zu, von der ich das Geräusch vermutete. Erst als mich der Lichtungsrand verschluckte, blieb ich stehen, horchte, doch es geschah nichts. Zwischen zwei großen Farnen ging ich in die Hocke, hob meinen Kopf um dem Geruch zu folgen, der mir in die Nase stieg. Irgendwo dahinten, irgendwo in der Tiefe dieses Waldes bewegte sich etwas Großes, etwas Gewaltiges. Mein Herz beschleunigte, mein Geist nahm die Witterung auf, dann versank ich im Instinkt meines Körpers, spürte nur noch mein Herz, dessen Schlag sich nach allen Seiten ausbreitete, das nach einem Schatten griff, den es nicht mehr loslassen wollte, gar nicht mehr loslassen konnte. Von dem inneren Impuls angestoßen, schnellte ich in die Höhe. Mit geschlossenen Augen folgte ich der Raserei meines Blutes, griff nach dem großen Tier, das irgendwo dort in der Dunkelheit zwischen den Bäumen und den Felsen wartete.
Während ich dem Unsichtbaren folgte, galoppierte ich über umgestürzte, faulende Baumstämme, flog zwischen den Farnen hindurch, ohne dass meine Füße den Boden zu berühren schienen. Ich wich den feinblättrigen Riesen aus, die mir den Weg versperrten, kam meinem Ziel, dessen Bild sich nun in meinem Kopf vor meinem inneren Auge formte, immer näher!
Mein Herz schlug jetzt schneller, als ich Schritte machen konnte. Ich spürte die Kreatur, sah durch ihre Augen die aufsteigende Morgenröte über dem großen Berg, der einmal meine Heimat gewesen war, spürte den Puls seines Blutes, das jetzt ebenfalls anfing, schneller zu fließen. Noch ein paar Hundert Schritte, noch einige Momente, dann würde ich es erreichen, dieses lebendige Ding, dessen Lebenskraft mir übermenschliche Fähigkeiten verlieh. Mein Geist fraß sich in die Gedanken meiner Beute, verleitete sie dazu, zwischen den Felsen herauszutreten, sich mir zu zeigen.
Während mich das Gefühl, das uns verband, immer fester packte und mich immer tiefer in das Bewusstsein des Kolosses trieb, den ich jetzt schemenhaft gegen das aufsteigende Licht der Dämmerung erkennen konnte, griff ich nach meinem Bogen, zerrte von meinem Rücken einen kunstvoll gefertigten Pfeil, den ich gegen die Sehne spannte. Ich spürte das leichte Gewicht auf der Haut zwischen meinem Daumen und Zeigefinger, spürte das Leder, mit dem der Bogen umwickelt war und in vollem Lauf zog ich die Sehne bis zu meinem Kinn durch, sprang über einen kleinen Bach, stellte mir sein pochendes Herz vor, das sein Blut in gewaltigen Schüben durch seinen Körper jagte, als er mich entdeckte, als er fliehen wollte. Für eine Sekunde starrte mich wilde Entschlossenheit an, dann setzte es sich in Bewegung. Eben noch still, schoss der Körper mit ungeheurer Kraft den Pfad entlang der zwischen den hohen Bäumen um den Berg herumführte. Mein Leib bebte, sog die unbändige Kraft des Tiers zu mir hin, sorgte dafür, dass ich ihn weiter verfolgen konnte. Minutenlang hetzte ich ihn über den uralten Weg meiner Vorfahren, bis er vor dem Rand der alten Kultstätte, die mir vor vielen Jahren mein Vater gezeigt hatte, plötzlich stehen blieb. Unter seinem schlitternden Körper stob Staub in die Höhe, umnebelte ihn in einen diffusen Schleier, der ihn übermächtig wirken ließ. Sein Schrei gellte über das Tal vor uns, dann drehte er sein mächtiges Haupt zu mir hin, berührte meinen Blick mit dem seinen.
Mit brennenden Lungen sprang ich über einen umgestürzten Baum, meinen Körper noch in der Luft entließ ich den Pfeil, den ich wieder aufgespannt hatte, lenkte ihn mit meinen Gedanken hin zu dem prachtvollen Tier, dem sein Ende bewusst wurde, als sein Blick erneut den meinen traf.
Tief bohrte sich das Geschoss durch die Seite bis zu seinem Herzen, dann zerriss das Band zwischen uns, die Kraft verließ mich, sodass ich zitternd stehen blieb, als der gewaltige Herrscher dieses Waldes vor mir zusammenbrach.
Sein Atem ging dampfend durch seine Nase, hektisch trieb sein sterbender Geist die großen Augen zwischen mir und dem nahen Wald hin und her. Er warf einen letzten Blick auf die aufgehende Sonne, dann bebte sein Körper ein letztes Mal und er starb.
So wie aus ihm die Kraft entwich, so verließ sie auch mich. Vor dem gewaltigen Tier hockend, beruhigte ich mich, atmete tief ein, sonnte mich in der beginnenden Wärme des Morgens.
„Ich danke dir, Herr. Ich danke dir für diesen Moment, für dieses prachtvolle Geschenk, das du mir gemacht hast“, betete ich in Richtung des Himmels. Zu dem vor mir am Boden liegenden Leib sagte ich, „Danke mein Freund, dass du dein Leben für mich gegeben hast“. Dann zog ich mein Messer aus der Scheide.
Schon von Weitem sah ich die Rauchsäule, die vor unserem Lager aufstieg. Da ich meine Beute nicht tragen konnte, würde ich den anderen Jägern die Stelle, an der das tote Tier lag, zeigen, um ihn ganz zu zerlegen und hier her zu bringen. Fürs Erste trug ich nur den Beweis, der mich weithin für meine erfolgreiche Jagd schmückte, über den Schultern.
Sie stand vor dem großen Zelt und bemühte sich, das Feuer in Gang zu bringen. Als sie mich kommen sah, zeigte ihr Mund ein wunderschönes Lächeln, dann rannte sie in meine Richtung. Ich hielt ihr das Geweih entgegen. „Für dich, Eva“, rief ich laut. Noch im Laufen rief sie zurück, „Was für ein prachtvolles Geschenk, Adam“.
©Jonas Erler