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er

>Oben im Schrank!<, ruft sie ihm von unten auf der Treppe nach, als er sich auf den Weg macht, um sich anzuziehen. Oben im Schrank, denkt er. Weil wir ja auch nur einen Schrank hier oben haben.
>In welchem?<, brüllt er von der letzten Treppenstufe hinab in das Erdgeschoss, in dem sie in der kleinen Küche das Mittagessen zubereitet.
Er horcht nach unten, doch eine ganze Weile wird seine Frage nicht beantwortet. Er will sich schon umdrehen, als ihre glockenklare Stimme dann doch noch den zynischen Pfeil einer Antwort nach oben abschießt, >Mach doch die Augen auf!<
Entnervt schüttelt er den Kopf und schlüpft durch den Spalt im Türrahmen in das kleine Ankleidezimmer, in dem mindestens sechs Schränke stehen.
Verzweifelt sucht er seine Joggingsachen die hier irgendwo liegen müssen. Sie würde nachher, wenn sie entdeckt, dass er alle seine Fächer durchwühlt hatte, um wie immer nichts finden zu können, einen riesen Zirkus veranstalten, doch das war für ihn nichts Fremdes, denn nach so langer Zeit in einer Partnerschaft, bleibt nicht viel Raum für Neues.
Als er die obere Tür des letzten Schrankes öffnet, springen ihm seine Sportsachen spöttisch entgegen, was ihm einen erleichterten Seufzer abringt. Mit den frisch gewaschenen Kleidungsstücken auf dem Arm macht er sich auf ins Schlafzimmer, nicht ohne vorher über ihre Schuhe zu stolpern. Laut stößt er einen Fluch in den imaginären Himmel über ihm, doch wie in der Vergangenheit auch, bleiben seine Wünsche ungehört. Wenn er seine Schuhe überall liegen lässt, dann fliegen diese in hohem Bogen die Treppe hinab in den Keller, wo das alte Schuhregal unter der Treppe steht! Doch sie, die kleine Madame, die schon seit seinen Jugendtagen bei ihm ist, sie darf das natürlich.
Er macht seinem Ärger Luft, indem er die bekannte Argumentationskette in Gang bringt, >Warum darfst du deine Schuhe überall stehen lassen?<
>Weil du hier den Haushalt nicht machst!<, schallt es von unten in seine Richtung.
>Du verdienst auch nicht Vierfünftel unseres Einkommens!<, donnert er von oben zurück.
Einige Sekunden herrscht eine bedrückende Stille, in der man eine Fliege an der Wand husten hören kann. Sie drischt ihr nächstes Argument, das ihm gepackt wie eine Zip-Datei durch den schmalen Datenkanal ihres Treppenhauses auch prompt geliefert wird.
>Dafür finanziere ich von meinem Fünftel deine goldene Amazon-Mitgliedschaft, oder?<
Es scheint aussichtslos diesen Kampf zu gewinnen, sie wird immer das letzte Wort haben, also gibt er auf, verschwindet im Schlafzimmer, zieht sich um und denkt, sie wird sich nie ändern!

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>Weißt du, wo meine Sportsachen sind?<, ruft er fragend von oben herab.
Jedes Mal das Gleiche, denkt sie genervt. >Oben im Schrank<, schreit sie von der Küche aus, in der sie das Mittagessen zubereitet. Er wird sie wie immer nicht finden, geht es ihr durch den Kopf. Er ist so blind wie ein Maulwurf. Man könnte die Sachen auf einem beleuchteten Altar in der Mitte des kleinen Ankleidezimmers aufbahren, doch er würde sie mit Sicherheit nicht finden! Gleich wird er rufen, in welchem Schrank sie zu finden sind.
>In welchem?<, hört sie ihn auch schon fragend rufen. Verzweifelt dreht sie die Augen nach oben gegen die Decke. Einen Augenblick lang wünscht sie sich weit weg von hier. Sollte sie es hinauf rufen, stellte sie sich in Gedanken die alles entscheidende Frage? Sie wusste, dass wenn sie ihm die einzig mögliche Antwort geben würde, er beleidigt wäre. Sie zögert noch einige Sekunden, dann ruft sie, >Mach doch die Augen auf!<
Sie lauscht, wartet auf irgendeine beleidigte Erwiderung, doch zu ihrem Erstaunen bleibt es im ersten Stock ihres kleinen Häuschens ruhig. Sollte er es doch eingesehen haben? Enttäuschung macht sich in ihr breit, als sie ihn Fluchen hört. Gleich würde irgendein Trara losgehen, so wie immer.
>Warum darfst du deine Schuhe überall stehen lassen?<, schreit er zu ihr hinunter. Ohne nachzudenken, folgt sie ihrem ersten Impuls, >Weil du hier den Haushalt nicht machst!<
Verdammt, schießt es ihr durch den Kopf, jetzt wird er wieder das mit dem Familieneinkommen aufs Tablett bringen. Drei – zwei – eins, zählt sie im Kopf herunter.
>Du verdienst auch nicht Vierfünftel unseres Einkommens!<
Da er dieses Spiel angefangen hat, soll er auch die Antwort bekommen, die sie für ihre eingespielte Diskussion schon seit Jahren benutzt, >Dafür finanziere ich von meinem Fünftel deine goldene Amazon-Mitgliedschaft, oder?<
Es scheint aussichtslos. Sie weiß, dass er diesen Kampf nicht gewinnen wird. Es überrascht sie deshalb nicht im Geringsten, als sie ihn wutschnaubend ins Schlafzimmer stampfen hört und denkt, er wird sich nie ändern.

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Sie steht in der Küche, er geht die Treppe nach oben in den ersten Stock. Es neigt den Kopf, „Bestimmt ruft er gleich etwas nach unten“.
>Weißt du wo meine Sportsachen sind?<
Es weiß genau, wie sie funktionieren. Auf leisen Pfoten schleicht es ihm die wenigen Treppenstufen nach. „Mal sehen, wo er ist“.
Von unten ruft die Stimme, >Oben im Schrank!<, doch es versteht weder das eine, noch das andere, nur dass es bestimmt nicht das Letzte sein wird, was sie rufen.
Es kennt das Spiel schon einige Jahre, schließlich lebt es ja schon eine ganze Weile hier. Am liebsten an dem großen weißen warmen Ding an der Wand, das im Winter so herrlich warm ist.
Er steht oben auf der letzten Treppenstufe vor dem Flur zwischen den beiden Türen, die eine zeigt zum Badezimmer, die andere führt dahin, wo all die hübschen bunten Sachen hängen, an denen es so gerne hinaufklettert. Sie kommt dann immer gerannt und schimpft, was es aber gleichgültig hinnimmt, denn es ist egal.
Jetzt ruft er, >In welchem?<. Auch das kann es nicht verstehen. Sie sind schon lustig die Beiden, immer ist was los, ständig rufen sie durch das Haus. Verwirrt starrt es auf den Großen, der irgendwie auf das wartet, was die Kleine wohl antworten wird. Doch eine ganze Zeit lang geschieht nichts, kein Wort kommt von unten.
Dann, es will schon in den obersten Stock weiterziehen, hört es, >Mach doch die Augen auf!<
„Mach doch die Augen auf“, wie drollig, was es wohl bedeuten mag. Einige Sekunden hallen die Worte noch nach, dann verfliegen sie.
Der Lange dreht sich im Flur herum, betritt das kleine Zimmer, das es so gerne mag. Es folgte ihm, sucht sich einen Platz unter einem der bunten Dinger an den Stangen und beobachtet ihn aufmerksam. Aus den hohen Dingern, in denen die bunten Sachen liegen, anstatt zu hängen, nimmt er einige heraus, legt sie sich über den Arm, dann stolpert er über etwas am Boden. Er sieht nach oben, schimpft etwas, so wie sie immer schimpft, wenn es hier oben liegt, dann schreit er laut, >Warum darfst du deine Schuhe überall stehen lassen?<
Es erschreckt sich so sehr, dass es sich weiter nach hinten an die Wand legt. Es will nicht zwischen sie geraten.
Durch den Spalt dringt ihre energische Stimme, >Weil du hier den Haushalt nicht machst!<
Er steht wie festgenagelt da, dann brüllt der Große zurück, >Du verdienst auch nicht Vierfünftel unseres Einkommens!<
Sie sind wirklich seltsam. Es ist nicht immer so laut mit den Beiden. Die meiste Zeit lächeln sie sich an, schnurren fast so, wie es schnurren kann. Trotzdem sind die lauten Tage die amüsantesten.
Sie ist jetzt wieder dran! „Oh wie herrlich“.
>Dafür finanziere ich von meinem Fünftel deine goldene Amazon-Mitgliedschaft, oder?<
Jetzt verschwindet er endgültig aus dem Zimmer. Es kann ihn nebenan hören. „Sie werden sich nie ändern“.

 

©Jonas Erler