Mein ganzes Leben schaute ich schon nach den Sternen. Noch als ich ganz klein war, fing es an. Meine Mutter erzählte mir immer, wenn ich zum Kaffee zu ihr kam, dass ich schon im Kinderwagen nach oben geblickt hatte, manchmal sogar mit dem Finger in den Himmel zeigte und sagte, >Da<.
Als ich dann in die Pubertät gekommen war, mich dabei mehr für Computer interessierte als für Mädchen, da träumte ich immer davon, zu den Sternen zu reisen. Ich stellte mir vor, dass ich gar nicht das Kind meiner Eltern sei, sondern ein Findling von einem anderen Planeten, dessen Eltern Forscher einer fremden Rasse wären, die das All bereisten und die mich bei einem Besuch auf der Erde zu Studienzwecken zurückgelassen hatten.
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Ich wurde erwachsen, schloss die Schule ab, begann eine Ausbildung, danach ein Studium und arbeitete einige Jahre als Programmierer in einer bedeutenden Softwareschmiede. In diesen vielen Jahren spürte ich diesen Drang von der Erde wegkommen zu müssen, hinauf ins All zu der unendlichen Anzahl an fremden Planeten, die es zu entdecken galt.
Eines Abends, im Sommer, machte ich einen Spaziergang durch den Park. Die Dämmerung verschluckte den letzten Rest Licht über den Wipfeln der Bäume, als mich eine starke Windbö ergriff, die mich zu Boden schleuderte. Benommen rappelte ich mich auf, stütze mich noch etwas wackelig auf meine Knie, als ich von einer Sekunde zur anderen in einen gleißenden Lichtstrahl getaucht wurde. Eine Hand schützend vor meinen Augen, suchte ich über mir nach der Quelle der Helligkeit, als meine Füße den Boden verließen. Mein ganzer Körper hing, von einer unsichtbaren Kraft getragen, in der Luft und da wurde es mir schlagartig klar; es waren keine kindlichen Fantasien, keine jugendlichen Wunschträume wie sie viele gehabt hatten. Ich war wirklich ein Außerirdischer, der jetzt von seinen Leuten zurückgeholt werden sollte. Bevor ich von dem silbrig glänzenden Leib des Raumschiffes verschluckt wurde, erhaschte ich noch einen Blick auf eine hochgewachsene Gestalt am Rand der Luke, dann wurde ich ohnmächtig.
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Verschwommen nahm ich den kleinen Raum wahr, in dem ich auf einer bequemen Liege ausgestreckt lag. Neugierig blickte ich mich um, wollte jeden Quadratzentimeter der Alientechnologie, die ich sah, in mich aufnehmen. Ich stellte mir vor, wie spannend mein Leben ab jetzt sein würde, mit der Erkenntnis, Angehöriger einer hyperintelligenten fremden Rasse zu sein. Wahrscheinlich würden sie nur den Teil meines Gehirns freischalten müssen, den man blockierte hatte, damit ich als Mensch durchgegangen war. Wenn ich erst einmal einhundert Prozent meines Potenzials nutzen konnte, dann stand der Entdeckung des Universums nichts mehr im Weg.
Mit steifen Gliedern richtete ich mich auf, ließ meine Beine über den Rand der Liege baumeln und bemerkte, dass mich meine leiblichen Eltern würden größer machen müssen, denn ich erreichte den Boden mit meinen Füßen nicht. Mit gespannten Muskeln federte ich über den Rand und kam ohne Geräusch auf dem Boden auf. Ein leises Summen drang an mein Ohr und mir schräg gegenüber fiel helles Licht durch einen erst schmalen Spalt, der sich rasch vergrößerte.
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>Hey, nicht träumen! Ich kann nicht erkennen, dass du tippst!<, brüllte mich der Chefprogrammierer des Institutes für angewandte subultradynamische Schnittstellentechnologie auf Alpha-Centauri an. Erschrocken fuhr ich zusammen, suchte auf dem Hypertablet nach den Programmzeilen und begann wie verrückt die Codezeilen in die große Maschine zu tippen.
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Ein Alien bin ich nicht, das wurde mir bewusst, als damals in dem Raumschiff die Tür aufgegangen war. Das Wesen, das zu mir trat, um mir meine künftige Aufgabe zu erklären, sah ganz und gar nicht menschlich aus, im Gegenteil. Es war groß und grob, eher wie eine Schlange oder ein Leguan. Er hatte mich entführt!
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Experimente fragen Sie! Nein, keine Experimente, auch keine sexuellen. Dafür sitze ich aber vier Lichtjahre von der Erde entfernt, mit einer Fußfessel ausgestattet, an diesem überdimensionalen Tisch fest und hacke Programmcode in einen planetengroßen Computer, der eine Hyperraumsprungvorrichtung steuert.
©Jonas Erler