Dröhnend schallen die Befehle aus den Lautsprechern durch die Halle, in der die Piloten gebannt auf die Anzeigetafeln an der gegenüberliegenden Wand blicken.
>Rotte Gelb; fertig machen!<
Irgendwo an einer der vielen Reihen aus Tischen und Stühlen, springen zwei Gestalten auf, rennen zu der Wand links von ihnen, hin zu den Haken, an denen ihre Ausrüstungen hängen. Mit geübten Handgriffen zerren sich die Beiden die Kombis über die Füße, greifen nach den Helmen, um sie sich innerhalb weniger Augenblicke über ihre Köpfe zu ziehen. Mit offenem Visier eilen sie zu einem der vielen Ausgänge, hinaus auf das von Wolken umgebene Rollfeld, an dessen Ende zwei schwere Jagdbomber stehen, die von einer Bodencrew schon für den Start vorbereitet sind.
Der kleinere der beiden Piloten hetzt auf die fahrbare Leiter zu, nimmt behände die ersten Stufen, blickt zu seinem Rottenführer, der sich schon in den weichen Sitz seiner Maschine geworfen hat. Einige Sekunden später ist auch er über den Rand seiner Kabine und spürt die zitternde Maschine unter sich, die nur darauf wartet, von ihm in den Himmel geführt zu werden.
Der Maschinist auf der Leiter drückt das Kabinendach nach vorne und augenblicklich verstummt der Lärm der anderen startenden Maschinen. Wieder blickt der junge Pilot zu seinem Rottenführer, der ihm jetzt den erhobenen Daumen zeigt; das Zeichen für ihren Start.
Der Flügelmann drückt den Hebel nach vorne und wie von einer unsichtbaren Macht angeschoben, rast die schwere Maschine über das viel zu kurze Rollfeld in Richtung der Windfahne, die ihm signalisiert, dass er, sobald er abgehoben hat, die Pedale nach rechts drücken muss, um dem Seitenwind zu entkommen.
Rechts neben ihm hebt sein Rottenführer ab. Das Fahrwerk des technischen Wunders drückt sich unterhalb der Tragflächen in die dafür vorgesehenen Vertiefungen und gibt den Blick frei auf die tödliche Fracht, die man in der Mitte an großen Halterungen befestigt hat und die nur einem Ziel dient, der Auslöschung einer ganzen Stadt; um genau zu sein, zweier Städte, denn am Bauch seines Bombers hängt die gleiche vernichtende Waffe.
Er erinnert sich an die Worte des Einsatzoffiziers am Morgen, >Es wird ein ruhiger Flug, Jungs. Keine Sorge. Der Chef hat für schönes Wetter gesorgt!<
Sein Blick schweift über den Landstrich, den sie überfliegen. Die Sonne steht schon weit über dem Horizont und taucht die Umgebung in ein freundliches Licht, das nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass dieser Tag für Viele kein glückliches Ende nehmen wird.
Tief in seine Gedanken versunken, nimmt er die Frage seines Rottenführers über Funk erst gar nicht wahr. Er schreckt durch den harschen Ton seines besten Freundes zusammen.
>Doch, doch. Ich kann dich hören<, antwortete er mit bebender Stimme, die seine Zweifel an ihrem Auftrag nicht verbergen kann.
>Bleib auf Kurs!<, bellt es in seinem Kopfhörer und er schüttelt die Gedanken an das, was man ihnen aufgetragen hat, ab. Er konzentriert sich wieder auf seine Instrumente, die ihm einen ruhigen und ereignislosen Hinflug signalisieren. Eine letzte Frage durchstreift seinen Verstand, von der er nicht weiß, ob er sie stellen soll. Einige Sekunden hadert er noch mit sich und drückt auf den kleinen Knopf an seinem Headset, >Werden die vier aus der Stadt geflohen sein, so wie man es ihnen aufgetragen hat?<
Der Kopf seines behelmten Rottenführers fliegt förmlich zu ihm hin und die Anspannung ist trotz der Distanz zwischen ihren beiden Maschinen deutlich zu sehen.
>Wenn nicht, dann ist er selbst schuld. Er hat gewusst, was kommen wird! Wenn sie noch dort sind, dann wird sie nichts mehr retten!<
Der junge Flügelmann weiß, dass ihm keine Wahl bleibt, und zwingt seine Zweifel in eine dunkle Ecke tief in seinem Verstand. Er macht sein Ziel aus, als sie einen letzten Berg überfliegen.
Die beiden Städte, die nicht weit voneinander entfernt in der Senke liegen, glitzern in der warmen Morgenluft wie zwei Diamanten auf einem samtenen Bett.
>In den Tiefflug übergehen und bereit machen<, dröhnt es in seinem Kopf. So wie man es ihm beigebracht hat, drückt er den Steuerknüppel nach vorne, die Maschine stürzt in Richtung Erde hinab. Im letzten Moment fängt er den metallenen Leib ab, dröhnt mit Überschallgeschwindigkeit über die hügelige Landschaft auf die Stadt zu, die man zu seinem Ziel erklärt hat.
Einige Kilometer davor zieht er die Maschine steil nach oben bis zum „Point of no return“, um wieder in den Sturzflug überzugehen. Am Scheitelpunkt der Kurve drückt er auf den Auslöser. Der Gewichtsverlust drückt den Bomber mehrere Meter nach vorne. Geschickt fängt er ihn ab, zieht den Steuerknüppel mit aller Kraft und gegen den Willen der bockigen Maschine zwischen seine Beine. Das fliegende Wunderwerk rast zurück in den Himmel. Verbissen drückt er den Schubhebel nach vorne, verlangt der Maschine alles ab um aus dem tödlichen Radius der Bombe herauszukommen. Als er seine Gipfelhöhe erreicht, fliegt er eine Kurve nach links, entdeckt seinen Rottenführer, der zu ihm aufschließt. Sein dunkles Visier schützt ihn vor den beiden Blitzen, die fast zeitgleich erscheinen. Zu hören ist auf ihrer Höhe von dem Inferno, das unter ihnen tobt, nichts. Zwei gewaltige Pilze aus Schutt, Geröll und geschmolzenen Steinen, steigen zu ihnen hinauf. Am Boden toben die Druckwellen im Kreis durch das karge Tal, walzen alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Fast glaubt man, es sei zu Ende, als das entstandene Vakuum sich schlagartig wieder mit Luft füllt und der entstehende Sog jetzt den allerletzten Rest menschlichen Schaffens mit sich reißt. Wo eben noch zwei blühende Städte zu sehen waren, gähnen tiefe Krater, die von kilometerhohen Säulen überschattet werden.
Die beiden Piloten drehen ab, machen sich auf den Weg zurück zu ihrer Basis, die sie einige Stunden später wohlbehalten erreichen. Die Mechaniker helfen ihnen aus den Flugzeugen und gemeinsam folgen sie den farbigen Markierungen bis zur Einsatzhalle. Der kommandierende Offizier kommt ihnen aufgeregt entgegen, ruft schon von Weitem, >Ein voller Erfolg. Der Chef ist äußerst zufrieden!<
Die Beiden winken müde ab, entledigen sich ihrer Helme und Anzüge, nehmen an ihren Einsatztischen Platz.
>Wo machst du dein Kreuz, Michael?<, fragt der Flügelmann seinen Rottenführer.
>Bei Gomorrha, Gabriel. Und du bei Sodom, oder war es umgekehrt?<
©Jonas Erler