Es ist seltsam, wenn man so viele Jahre, nachdem man sein Elternhaus verlassen hat, zurückkehrt.
Langsam gehe ich den mit Kies geschmückten Gehweg entlang. Die kleinen Steine knirschen unter den Sohlen meiner Sommerschuhe. Am Rand säumen Pappeln den breiten Weg, der hinauf führt. Wie eine Schlange windet sich der Zugang zwischen den Bäumen, bildet Kurven und an der letzten Biegung folge ich nach rechts, den Blick frei auf das Haus, in dem ich geboren wurde, in dem ich aufgewachsen bin.
Erhaben schaut es auf mich herab, gerade so als wollte es mich begrüßen, mir sagen „Willkommen alter Junge; schön, dass du wieder da bist.“
Ich schüttle die Fantasie ab, nehme die erste Stufe der alten Holztreppe, auf der ich als Kind immer saß und den Blumen zusah, wie sie sich im Wind bewegten.
Vor der großen, zweiflügeligen Eingangstür bleibe ich stehen, zanke minutenlang mit meiner Erinnerung, die mir klar macht, warum ich damals fortging. Drohend wird mir der Weg ins Innere verwehrt und wie ein Fremder suche ich nach dem Klingelschild, entdecke es und bemerke, dass es nicht jenes von früher ist; es wurde ausgetauscht.
Kein Geräusch dringt aus dem Inneren an mein Ohr, nichts ist zu hören, auch nicht die Klingel, also drücke ich erneut und einen Lidschlag später wird einer der großen Flügel aufgerissen. Ein beleibter, kleiner Mann steht vor mir, glotzt mich aus großen Augen an und fragt, wer ich sei. Irritiert über den Fremden und abgestoßen von so viel Unbekanntem, erkläre ich ihm, wer ich bin.
Einen Moment noch überlegt er, dann hellt sich seine Miene auf und mit einer einladenden Geste bittet er mich hinein. Folgsam trete ich über die Schwelle, mache über die nächste Bodendiele einen großen Schritt; sie hat immer leicht gequietscht, wenn man auf sie trat. Doch im letzten Moment überlege ich es mir anders, setze meinen Fuß auf das dunkle Holz. Vielleicht, denke ich, wurde sie genauso ausgetauscht wie die Türklingel, doch als ich das Brett sanft berühre, merke ich schon, es wird ein Geräusch geben und prompt bedankt es sich mit einem lauten Knarzen bei mir, gerade so, als würde es mich wiedererkennen.
Der kleine fette Mann, der sich mir jetzt als Hausverwalter vorstellt, geht voraus, weist mit ausgestrecktem Arm auf die illustre Gesellschaft, die sich in schwarzer Robe in dem großen Zimmer, das einmal das Wohnzimmer gewesen ist, zusammengefunden hat.
Einige nicken mir zu, andere blicken mich erstaunt an, wieder andere wenden sich ab. Sie wissen nicht, wer ich bin.
Wie betäubt kämpfe ich mich durch die Menschen, so als sei alles in Watte gehüllt oder in Honig getaucht, schüttle Hände, höre mir ihre Bekundungen an, frage mich, was ich hier soll. Benommen stürme ich durch die großen Glastüren hinaus auf die Terrasse, klammere mich an das steinerne Geländer, den Blick auf den großen, gepflegten Garten gerichtet, als mich sanft eine Hand an der Schulter berührt. Ich wirbele herum, will mich schon beschweren, da sehe ich in ihre Augen. Mein Zorn verfliegt in einem Augenblick.
–
Später am Abend, mein Gepäck wurde schon gebracht, beziehe ich mein altes Zimmer. Es ist noch genauso, wie ich es damals verlassen habe. Die Erinnerung daran wirft mich fast um; „Wenn du durch diese Tür gehst, dann brauchst du nie wieder nach Hause zu kommen!“
Wie Donner hallen die letzten Worte durch meinen Kopf. Ich zucke zusammen, fühle die Kälte von damals, als ich fortging.
Auf dem Weg hinunter in das Esszimmer, entdecke ich den Zugang zum Dachboden. Der wichtigste Teil des ehrwürdigen Hauses. Der Teil, in dem meine Schwester und ich so viel Schönes erlebten, wo wir uns unsere eigene kleine gemeinsame Kinderwelt erdachten, in der wir sein durften, wer immer wir sein wollten.
Stille empfängt mich an der breiten, mit Teppichen belegten großen Treppe, die sich nach unten in die Halle windet.
Am Ende drehe ich mich nach links, schiebe den großen vertäfelten Flügel zur Seite und begrüße die Anwesenden. Doch sie fehlt. Panik macht sich in mir breit. Sie verließ, nachdem es keine Gemeinsamkeiten während unseres Erwachsenwerdens mehr gab und die Kälte nicht mehr zu ertragen war, das Haus. Ob sie die gleichen Worte begleiteten, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, sie ist nicht gekommen.
Der leere Platz am Kopfende des überlangen Tisches schreit mich förmlich an. Ängstlich wandert mein Blick zu den anderen, doch keiner von ihnen hilft mir, bietet mir einen Platz an.
Dort wo meine Schwester als Kind immer saß, schiebe ich den Stuhl zurück, setze mich auf das bequeme Möbel mit der hohen Lehne und zwinge mich dazu, den leeren Stuhl rechts von mir nicht zu beachten, gerade so, als würde mich eine Zurechtweisung erwarten, oder Schlimmeres.
Das Essen schmeckt ausgezeichnet. Frau Maria, die in diesem Haus schon Köchin gewesen ist, als ich zur Welt kam, scheint immer noch das Regiment in der Küche innezuhaben, zumindest erkenne ich den Geschmack der vielen Speisen als den ihren.
Das Schweigen am Tisch, diese Grabesstille macht mich verrückt. Schon will ich den Mund öffnen, da wird die Flügeltür aufgeschoben und mein Herz macht einen Sprung. Sie kommt herein, blickt zu ihrem Platz und ich erhebe mich. Lächelnd begrüßt sie mich, zwinkert mir im Vorbeigehen zu, so wie früher immer, wenn sie etwas ausgefressen hatte und sie auf dem Weg zu ihrer Bestrafung war.
Ich umrunde den Tisch zu meinem früheren Platz, den ich freudig besetze, denn alles ist jetzt, so wie es sein soll.
Minutenlang starre ich sie still an. Ihr Haar, ihr Gesicht, ihre gesamte Erscheinung hat sich verändert. Aber ein vertrautes Lächeln umspült ihren Mund, das mir signalisiert; ja, schau nur, ich bin es, ich bin bei dir, ich beschütze dich wieder.
Wie ein Süchtiger sammle ich ihre Gesten auf, lächle zaghaft zurück. Sie blickt von der Seite zu mir, spricht mit einer nahen Verwandten, als sie die beiden Finger ihrer rechten Hand anhebt und das Zeichen formt; fast springe ich vor Aufregung vom Stuhl; sie erinnert sich daran, kennt noch die geheime Zeichensprache unserer Kindheit, die wir damals brauchten, um für uns zu sein und die nur wir lesen können.
Das Geschirr wird abgeräumt. Kaffeeduft kitzelt mich und ich folge der Gesellschaft.
Langsam, ich will nichts kaputtmachen, suche ich sie, stelle mich zu ihr. Wir plaudern, tauschen uns aus; was wir gemacht haben, was wir heute machen. Sie ist ganz entspannt, als ob eine jahrelange schwere Last von ihren Schultern genommen wäre. So als würde sie sich zum ersten Mal in diesem Haus wirklich wohlfühlen. Wir verabreden, am nächsten Tag, noch bevor es zur Kirche geht, den Park zu erkunden, die alten Plätze wiederzufinden, an denen wir uns als Kinder immer versteckten, an denen wir uns so nah gewesen waren.
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Abwesend starre ich in die Dunkelheit meines Zimmers. Über mir, an der Decke, knarrt es und ein wenig Staub rieselt durch die aufgerissene Deckenverkleidung auf mich herab. Behände schlage ich die Bettdecke zurück, schlüpfe in meinen Morgenmantel und bin heraus auf dem Flur.
Die Tür, hinauf zum Dachboden, am Ende des Flures, steht weit offen. Ein Schimmern dringt über die dunklen Stufen zu mir hin. Wie hypnotisiert steuere ich auf die Öffnung zu, nehme Stufe für Stufe hinauf in das wärmende Licht. Oben angekommen entdecke ich sie. Sie winkt mir zu, bedeutet mir, dass ich mich zu ihr setzen soll. Der süße Geruch des Alters zwischen den Dachsparren, der zentrierte Lichtkegel einer kleinen Lampe, die ein angenehmes Licht spendet, ziehen mich wie magisch zu ihr hin und machen mich ganz lala im Kopf. Und auf einmal, wie von einem unsichtbaren Puppenspieler in meine Vergangenheit geführt, bin ich wieder zehn Jahre alt. Freudig lächle ich ihr zu, renne zu ihr hin und werfe mich mit jugendlicher Leichtigkeit neben sie auf den Boden. Kleine Staubwolken, die uns zum Husten bringen, wirbeln in den Lichtkegel. Ich kuschle mich an sie, wir kichern und lachen die ganze Zeit, während sie in einem alten Album vergilbte Bilder längst vergangener Tage aufblättert.
Einen ihrer Arme um meine Schulter gelegt, schmiege ich mich fester an sie, spüre ihren Atem, ihre Bewegungen und die Vertrautheit zwischen uns. Sie erzählt von damals. Was wir alles machten und was wir alles angestellt hatten und das er immer fast wahnsinnig wurde, weil wir keine Ruhe gaben.
Ich entdecke in einer Ecke eine verdreckte Kiste, löse mich aus ihrer Umarmung und bewundere die Schätze meiner Jugend; alte Comic-Hefte, Flugzeugmodelle die vor vielen Jahren meine Zimmerdecke schmückten. Zwischen allerlei Sammelsurium steckt ein altes Holzschwert, daneben ein Schild mit einem verblassten Wappen. Ich greife danach, schwinge die Sehnsüchte nach Ritterkämpfen, die man als Kind mit sich trägt, durch die staubige Luft die zum Schneiden dick ist. Nach wenigen Hieben mit der kleinen Waffe schwitzte ich. Die Hitze wird unerträglich. In meinem Geist wehrt er sich gegen mein Anstürmen, hebt sein Schild zur Verteidigung, pariert meine kindlichen Schläge gegen sein Holzschwert. Lachend greift er nach mir, hebt mich hoch in die Luft. Tränen rinnen über mein erwachsenes Gesicht. Schluchzend werfe ich mich in ihren Schoß. Feine Hände streicheln beruhigend über meinen Kopf. Ein sanftes Schschsch dringt in meinen Verstand. Ein letztes Zucken, ein letzter Seufzer und ich bin wieder ganz ruhig. Noch eine ganze Weile genießen wir die Atmosphäre des Dachbodens, auf dem unsere Kinderjahre lagern und von dem ich weiß, dass er sie für immer beschützen wird.
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Langsam schreite ich in der Mitte der Prozession aus Schwester und Mutter. Vor mir ein dunkler Anzug mit weißen Handschuhen. In seinen Händen hält er die Summe eines ganzen Lebens mit all seinen Erfahrungen und Erlebnissen, die für immer verloren sind. Es ist ein stummer Tag, obwohl ich am liebsten Schreien möchte, doch kein Laut dringt aus meiner Kehle.
Es geht alles schnell. Wieder Händeschütteln, wieder Bekundungen die mir Trost spenden sollen, wo doch kein Trost ist.
„Sei unbesorgt!“, schreie ich zurück, „Ich werde nie wieder kommen!“
Die letzten Worte meines Lebens mit ihm.
©Jonas Erler